Für Schwafeln gibt es die Rote Karte

Subtitle: 
Die Toastmasters Leipzig sind der erste englischsprachige Rednerklub Ostdeutschlands
Author: 
Peter Krutsch
Source: 
LVZ
Published: 
Wed, 02/06/2008

Man stelle das sich im Bundestag vor oder bei Kongressen, Vereinssitzungen, Foren, Tagungen, Preisverleihungen oder Pressekonferenzen: Kommt ein Redner ins Schwafeln und damit nicht ans Ende, sieht er nach sechs Minuten die Gelbe Karte. Nach sieben Minuten gibt’s die Rote und nach siebeneinhalb Minuten knallt ein Schiedsrichter mit einem Hammer auf den Tisch – Schluss! Minuten, Stunden, Tage, Wochen wertvoller Lebenszeit, die einem langatmige Sprecher rauben, ließen sich so retten.
Aber gibt es denn solche Schiedsrichter, die entscheiden, wann eine Rede zum Gequassel und letztlich zur Qual, zum groben Foul am Hörer wird? Es gibt sie selten, aber sie existieren. In einem Klub. Sein Name: Toastmasters. Sein Ziel: Gehaltvolles und bündiges Kommunizieren per freier Rede auf Englisch. Seine Mitglieder: 211 000 Menschen in 90 Ländern, organisiert in 10 500 Gruppen. Seit 2007 gibt es die Toastmasters auch in Leipzig – der erste englischsprachige Rednerklub Ostdeutschlands.
"20 Mitglieder braucht eine Ortsgruppe, um sich gründen zu können. Die hatten wir schnell zusammen", sagt Ronald Kötteritzsch, der so etwas wie die gute Seele des hiesigen Klubs ist. "Die meisten Leipziger Toastmaster haben gesagt, sie machen mit, weil sie Leute aus unterschiedlichen Bereichen kennen lernen und ihr Englisch aufpolieren wollen." Studenten sind dabei, Angestellte, selbstständige Unternehmer, Banker, Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Ärzte und Lehrer. Auch englische Muttersprachler machen mit.
Zum Klub kann jeder kommen, der ein gutes Schulenglisch mitbringt. Den größten Nutzen bringt er Menschen, die im Beruf Ideen kommunizieren müssen. Menschen wie Kötteritzsch. Der ist Marketingdirektor des Leipziger Congress Centers. Ein Teil seines Berufs besteht darin, Leipzig als Kongressstadt zu verkaufen. Weltweit. Auf seiner Visitenkarte steht alles in Englisch. Der Job macht ihn zum Vielflieger. Kürzlich war er in Barcelona. "Dort habe ich mich bei einem Toastmasters-Klub eingeklinkt. Da findet man schnell Kontakt und bleibt im Training", erzählt Kötteritzsch. "So läuft es weltweit. Die Adressen und Termine hole ich mir über die Website."
In Leipzig trafen sich die Redner zuerst im Marriott Hotel, seit vergangenem Monat tagen sie im Renaissance Hotel. Jeder Abend hat eine strenge Choreografie. 16 Rollen müssen besetzt werden. Rollen wie Conferencier, Timer, Fragensteller an den Sprecher oder Listening Post. Letztere übernimmt das Befragen der Zuhörer, um zu testen, wie intensiv sie den Ausführungen gelauscht haben. Und dann gibt es noch jemanden, den beispielsweise der einstige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber dringend gebraucht hätte: einen Registrator der Ähs und anderen sinnfreien Stockungen des Wortflusses.
Das Zeitregime ist straff. Kötteritzsch schwärmt von einem "tollen Timing gegen das Geschwafel", von den Gelben Karten nach sechs Minuten und den Roten Karten nach sieben Minuten und dem Hammer, "der allerdings noch nicht eingesetzt werden musste".
Neben freien werden auch vorbereitete Reden gehalten und Fragen aus der Runde beantwortet. Ein KlubMitglied wertet den Beitrag am Ende aus. "Da erhält man gute Hinweise, die einem sonst keiner sagt", so der Marketingdirektor. „Ich bilde mir ein, Erfahrung zu haben. Aber im Verkaufsgespräch sagt einem kein Kunde, ob man zehn Jahre altes Zeug anbringt. Im Klub dagegen schon." Auch Körpersprache und audiovisuelle Mittel werden bewertet. Ein ungeschriebenes Gesetz lautet, die Kritik darf nie persönlich verletzend sein. Neugierige können bei einem Treffen einfach mal reinschnuppern. Kostenlos. Ansonsten bezahlen Mitglieder 50 Euro im Halbjahr, darin enthalten sind Kosten für die lten sind Kosten für die Verwaltung und für Materialien wie Bücher.
Ein Dreivierteljahr existieren die Toastmasters an der Pleiße inzwischen. Herr Kötteritzsch, spüren Sie teritzsch, spüren Sie schon Fortschritte? "Natürlich", antwortet er. "Ich geh’ an einige Meetings jetzt viel entspannter ran." Einen Preis bekam er auch schon. Beim 8. Elevator Pitch – einer Wirtschaftsveranstaltung im Leipziger Da Capo – holte Kötteritzsch den Preis für die beste Rede. Kann man nur sagen: Congratulations!